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Micha Purucker
   
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5. - 8. Dezember 2009
Sa - Di
20:30 – 22:30

  echoes - 18 gestures in space | giacometti-projekt
4 Tage Tanz, Expanded Cinema, Performance, Infobar und Vorträge

mit Victoria Chiu, Stephan Herwig, Robert Merdzo, Michael Kunitsch, Anke Euler, Manuela Müller, Peter Slabon, Niels Ringler, Hans Batz u.a.

Karten pro Abend: 12,- / 8,- erm. Ein Ticket für alle Abende!
Reservierungen: purucker@tanztendenz.de oder 01577-73 58 946 oder 089/21898226

Pressekontakt: Beate Zeller, kontakt@beatezeller.de

"Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass alle Ereignisse gleichzeitig um mich herum existieren. Die Zeit wurde horizontal und zirkulär, war zugleich im Raum, und ich versuchte sie zu zeichnen.“
Alberto Giacometti

Nach Projekten zu Francis Bacon und Maria Lassnig  beschäftigt sich "echoes – 18 gestures in space" als drittes Projekt in Puruckers Reihe zu Körperkonzepten bildender Künstler nun mit Arbeits- und Sehweisen des Schweizer Plastikers Alberto Giacometti. Es geht um die Verfahren und Wahrnehmungsprozesse, wie sie in Giacomettis Atelier, Paris, rue Hippolyte Maindron 46, Ecke Moulin Vert über 40 Jahre hinweg stattgefunden haben bzw. stattgefunden haben könnten und wie sie seinen Körperformulierungen und Bildfindungen zugrunde liegen mögen.

Ideen des expanded cinema werden mit Tanz, Licht, Film, Musik zu einer Rauminszenierung durch mehrere Räume des schwere reiter verbunden.
Da ist der Weg in einen abgegrenzten Zuschauerbereich, in eine Art Raumkapsel, vor der sich ein vielschichtiger, für die Zuschauer nicht betretbarer Sehraum entfaltet. In einer komplexen Partitur aus Film, Dia, Video und Live-Tanz werden darin Seh- und Körpererfahrungen durchgespielt, wie sie sich in der Auseinandersetzung mit den Arbeiten Giacomettis ergeben haben.
Die Raumskulptur ist gleichermaßen Bildraum wie Erfahrungsraum und korrespondiert in dieser Verschränkung mit der eigenartigen Präsenz, die fast alle Arbeiten Giacomettis auszeichnet.

„Ihn interessierte, die Figur im Werden als etwas Gewordenes zu erfassen.“
(Gottfried Boehm)

Es sind antropomorphe Objekte, biomorphe Erscheinungen, die, konturlos, zwischen anwesend und abwesend changieren und als eine Art energetischer Kulminationspunkt nur punktuell Ähnlichkeit und Wiedererkennbarkeit herstellen.
Für Giacomettis Raumkonzept gilt: Der Raum bildet sich aus den Personen oder Objekten. Im Raum und durch ihn laufen alle Beziehungsfäden hindurch, brechen und verwickeln sich. Die Personen, Objekte sind die Fluchtpunkte und Knoten all dieser Bezüge und Beziehungen. Und darin bringen sie ihren Raum, ihren Umraum und eine Atmosphäre zur Erscheinung.

Zu seiner speziellen Arbeitstechnik schreibt Palma Bucarelli:
„Die Technik der ‚pastillage’ ist fast ein Transport der Materie entlang der unsichtbaren Ströme, die den Raum durchziehen wie in der Elektrolyse....“
In einem Artikel von 2006 schrieb Purucker: „niemals sehen wir raum an sich. wir sehen bestenfalls die ausdehnung zwischen den dingen. denn uns ist 'raum' jeweils immer nur situativ, unter einem bestimmten aspekt, in einer bestimmten situation, zu einem bestimmten zeitpunkt gegeben."

Bei echoes - 18 gestures in space sind es die Tänzer, die in 18 Passagen diese Situationen und Räume anspielen und eröffnen.

Eine Veranstaltungsreihe von Micha Purucker in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Tanztendenz München e.V. Gefördert durch den Fonds Darstellende Künste e.V. Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für Zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

   
   

Integraler Bestandteil des Projekts ist die Vortragsreihe
„absent while here - transgressive bodies“

Allabendliche Vortragsreihe zu Zwischenzuständen im Körpererleben und Realitätsempfinden

Samstag, 5.12.09, 20:30
Prof. Dr. Mădălina Diaconu (Wien):
„Der blinde Flaneur“
Wie können Sehschwache Stadtspaziergänge genießen?
Behandelt werden nicht-visuelle Dimensionen des öffentlichen Raums. Auch Sehende erfahren den Raum multisensorisch.

Sonntag, 6.12.09, 20:30
Hubert Mohr (Basel):
„Stehen nicht Gehen? – Zur Religionsästhetik des Hieratischen“
Stehen, diese besondere Körperhaltung des Menschen, ist keineswegs eine passive Ruhestellung, sondern, wie jeder an sich selbst bemerken kann, eine aktive, die, je länger je mehr, erheblichen Muskel- und Koordinations aufwand erfordert. Der Vortrag wird daher das Stehen als Sonderfall des Gehens und menschlicher Bewegung überhaupt betrachten und diese Haltung in ein kulturanthropologisches und religionsästhetisches Stufenpanorama stellen.

Montag, 7.12.09, 20:30
Prof. Dr. Anna Bergmann (Berlin):
„Der Tanz aus dem Körper - Tanzwut in Zeiten der Verlassenheit“
Die so genannte Tanzwut war eine typische Begleiterscheinung der Katastrophen im 14. Jahrhundert und ist von Chronisten als eine spontane Reaktion auf Flussüberschwemmungen und die Pest beschrieben: Die "Tanzwütigen" zogen in großen Prozessionen wochen- und gar monatelang lang über die Lande, tanzten sich Tag und Nacht in Trance, "ohne zu hören und zu sehen".

Dienstag, 8.12.09, 20:30
Prof. Dr. Peter Dinzelbacher (Salzburg):
„Körper und Seele in der ekstatischen Mystik“

Ekstase ist das zentrale körperliche Phänomen der Mystik. Sie tritt in unterschiedlichem Grad auf, von der traumähnlichen Trance bis zur nahtodähnlichen Erstarrung. Eine Übersicht über ältere und modernere Erklärungsmodelle mit Beispielen aus der mittelalterlichen Frauenmystik.

in der Infolounge – die sich mit Trance, Rausch, Tanzwut als unterschiedlichen Praktiken von Körperüberschreitung befasst und in einem weiteren Raum von Schwere Reiter stattfindet. 

Nach der Vitalität Bacons, der Prothetik und der Körperbewusstseinsthematik von Lassnig, geht es bei Giacometti um einen Körperzustand zwischen anwesend und abwesend. Die Lecture-Reihe „absent while here - transgressive bodies“ fokussiert das Vermögen, die Geschichte und einige der Verfahren, mit denen der Mensch seit jeher versucht, durch körperliche oder geistige Eingriffe und Stimulationen, eine alternative Verfassung von Welt und Realität zu betreten.
Die Körperhistorikerin Anna Bergmann wird dazu einen Vortrag zur „Tanzwut“ halten, der Religionswissenschaftler Hubert Mohr setzt sich mit dem Stehen im Gegensatz zum Gehen aus religionsästhetischer Perspektive auseinander.
Peter Dinzelbacher, Mediävist, erzählt über Körper und Seele in der ekstatischen Mystik. Weitere Gäste sind eingeladen, wie der Volkskundler Gunther Hirschfelder, der über Alkohol und Rausch forscht und Mădălina Diaconu, die zu einer taktilen Ästhetik schreibt und veröffentlicht.
Damit setzt Purucker seine Vortragsreihe „transformed : bodies : modified“ fort, die sich mit den unterschiedlichsten Aspekten und Weisen von Körpermodifikation auseinandersetzt.
     
    Prof. Dr. Mădălina Diaconu
Studium der Philosophie an den Universitäten Bukarest und Wien. 1993-2003 Assistenzprofessorin für Ästhetik an der Fakultät für Philosophie der Universität Bukarest. 1996 Dr. phil. an der Universität Bukarest. 1998 Dr. phil. an der Universität Wien. 2001-2004 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der bildenden Künste Wien. 2003-2005 Externe Lektorin an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2005 Habilitation für das Fach Philosophie an der Universität Wien. Seit 2007 Projektleiterin des WWTF-Forschungsprojektes "Tast- und Duftdesign. Ressourcen für die Creative Industries in Wien". Seit 2006 Externe Dozentin am Institut für Philosophie der Universität Wien.

Hubert Mohr
Lehrbeauftragter für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt "Medien und Religion" in Basel. Darüber hinaus organisiert und koordiniert er den Aufbau eines religionswissen­schaft­lichen Medienarchivs für die Basler Religions­wissenschaft. Seine in diesem Kontext interessanten Forschungsschwerpunkte sind: Religion in Bewegung – Religions­ästhetische Überlegungen zur Aktivierung und Nutzung menschlicher Motorik; Religion und Muskeln - Bewegungsrituale als religiöse Erfahrung.

Prof. Dr. Anna Bergmann
1953 in Michelbach/Unterfranken geboren; Studium der Politik- u. Sozialwissen­schaften am Otto-Suhr-Institut, am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung und am Osteuropa-Institut der FU Berlin - Abschluss als Diplom­politologin; Promotion zum Doktor der Philosophie am Fachbereich Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin und am Institut für Geschichte der Medizin am Fachbereich 1 der FU Berlin; Habilitation und Erlangung der Lehrbe­fähigung für Neuere Geschichte und Kulturgeschichte an der Kulturwissen­schaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder; Ernen­nung zur außerplanmäßigen Professorin an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Wahrnehmungsgeschichte des Körpers und des Todes; Kulturgeschichte der Anatomie, des medizinischen Menschen­experiments u. der Transplantations­medizin; Historische Geschlechter­forschung; Seuchen- u. Quaran­täne­­­politik; Demographische Entwick­lungen u. Bevölkerungs­theorien; Geschichte der Rassenhygiene, Eugenik und Humangenetik

Prof. Dr. Peter Dinzelbacher
Geb. 1948 in Linz, Promotion in mittelalterlicher Geschichte in Wien 1973, Habilitation für mittlere und alte Geschichte in Stuttgart 1978, dort seit 1985 Apl. Prof. und an der Universität Wien seit 1998 Hon.-Prof. für Sozial- und Mentalitätsgeschichte. 1999/2000 Member of the Institute for Advanced Study, Princeton NJ. Lehrtätigkeit an mehreren Universitäten in Deutsch­land, Österreich, Italien und Dänemark, 2008/09 an der Universität Augsburg. Verfasser von über 30 mediävistischen Monographien in Buchform und von ca. 400 Aufsätzen bes. zu Mentalität, Religiosität, Volkskultur, Frauengeschichte, Literatur, Sozialgeschichte des Mittelalters in Fach­zeit­schriften und Sammelbänden in zehn Sprachen, dazu zahlreicher Rezensionen sowie Artikel in fachwissenschaftlichen deutschen und amerikanischen Lexika; Herausgeber von 13 Sammel­bänden und der interdisziplinären Zeitschrift „Mediaevistik“
(1988 ff.) sowie der Beiheft-Serie (2009: 12 Bde.).